Fundierung von Unterrichtentscheidungen

Prof. Dr. Lena Heine – Sprachunterricht theoretisch fundieren

Was haben Sie behalten?

Übungsaufgabe

Aufgabenstellung

Das neue Schuljahr steht vor der Tür. Sie sollen (Fach-)Unterricht für eine Integrationsklasse übernehmen und gestalten. Diese setzt sich zusammen aus neu zugewanderten Schülerinnen und Schülern, die im Durchschnitt seit ca. 1,5 Jahren in Deutschland leben und unterschiedliche Herkunfts- bzw. Familiensprachen (allgemein: L1 für die Erstsprache(n)) haben. Die Schülerinnen und Schüler verfügen nicht nur über diverse Erstsprachen, auch hinsichtlich des Alters bilden sie eine heterogene Gruppe. Die jüngste Schülerin ist 13 Jahre alt, die älteste Schülerin ist 17 Jahre alt. Sie haben die Klasse bisher noch nicht unterrichtet. Eine Kollegin, die die Integrationsklasse im vorherigen Schuljahr bereits unterrichtet hat, teilt ihre Erfahrungen mit Ihnen.

Sie bereiten sich nun auf Ihren ersten Unterricht in dieser Integrationsklasse vor. Wie gehen Sie vor?

 

Korrekte Aufgabe folgt noch!

Ich habe von meiner Kollegin eine Einschätzung der sprachlichen Fähigkeiten der Schülerinnen und Schüler bekommen. Darauf basierend suche ich nach geeignetem Material für meine erste Unterrichtseinheit in der Integrationsklasse. Online finde ich Arbeitsblätter eines bekannten Verlages für den Bereich DaF/DaZ. Die Arbeitsblätter erscheinen mir geeignet. Meiner Einschätzung nach dürften sie passend für meine Gruppe sein. Das Thema ist zwar relativ allgemein gehalten, es passt aber durchaus zu meinen fachunterrichtlichen Inhalten. Schließlich möchte ich die Schülerinnen und Schüler der Integrationsklasse auf die Teilnahme am Regelunterricht vorbereiten. Die Übungen erscheinen mir auch für Wortschatzarbeit gut geeignet und darum geht es schließlich: Ich möchte erstmal die Schülerinnen und Schüler kennenlernen – auch um sie selbst besser einschätzen zu können – und vor allem ihren Wortschatz weiter ausbauen. Dieser ist meines Erachtens zentral für die Teilnahme am Regelklassenunterricht. Dazu kann man sehr gut mit Bildern, Geräuschen, Gestik, Mimik und Imitation arbeiten. So werden die Schülerinnen und Schüler schon verstehen.

Die Einschätzung meiner Kollegin ist sehr hilfreich. Ich versuche noch mit weiteren Kolleginnen und Kollegen zu sprechen, die ebenfalls bereits in der Integrationsklasse unterrichtet haben, um weitere Informationen zu erhalten. So kann ich auch feststellen, ob sich die Einschätzungen meiner Kolleginnen und Kollegen decken oder ob sie sich in gewissen Punkten möglicherweise sogar auch unterscheiden. Ich frage auch nach, welche Materialen zuvor genutzt worden sind. Außerdem möchte ich erfahren, auf welchem sprachlichen Niveau sich die Schülerinnen und Schüler der Integrationsklasse befinden. Meine Kollegin sprach vom „A1-Niveau nach dem GER“ und ich möchte ermitteln, was das genau bedeutet und wie das festgestellt wurde. Zwar hat meine Kollegin das erläutert, ich bin mir jedoch nicht sicher, ob ich alles richtig verstanden habe. Mir schwebt einerseits vor, selbst zu Beginn festzustellen, auf welchem Niveau sich die Schülerinnen und Schüler befinden. Dazu möchte ich mich nach einem geeigneten Diagnoseverfahren umschauen. Andererseits beabsichtige ich, die Materialien, die ich im Regelklassenunterricht einsetze, auf sprachliche Angemessenheit und Schwierigkeiten für die neu zugewanderten Schülerinnen und Schüler zu prüfen. Dazu fehlt mir jedoch eine Systematik. Außerdem frage ich mich, welche Rolle die Herkunftssprachen der Schülerinnen und Schüler sowie ihr unterschiedliches Alter spielen. In diesem Zusammenhang möchte ich mehr über die Sprachbiografien der Schülerinnen und Schüler erfahren.

Ich frage mich, wie ich eigentlich meinen Unterricht erfolgreich gestalten soll. Ich bin schließlich keine Lehrkraft für Sprachen. Mir ist nicht klar, was ich ausrichten kann. Außerdem bin ich der Ansicht, dass es gar nicht meine Aufgabe ist, mich darum zu kümmern, dass die Schülerinnen und Schüler Deutsch lernen. Und überhaupt: Welche Rolle spielt Sprache denn eigentlich in meinem Unterricht? Jedenfalls fühle ich mich überhaupt nicht gut vorbereitet, Unterricht in der Integrationsklasse zu gestalten. Schließlich haben die Schülerinnen und Schüler so viele unterschiedliche Herkunftssprachen und ich kann ja nicht nebenbei noch Arabisch, Persisch, Türkisch und so weiter lernen. Darüber hinaus befürchte ich, dass es ziemlich schwierig bis unmöglich sein dürfte, Schülerinnen und Schüler zu unterrichten, die kaum Erfahrung mit dem deutschen Bildungssystem haben und die auch noch unterschiedlich alt sind. Meistens handelt es sich dabei auch noch um bildungsfernere Familien. Ich entscheide mich dafür, mir erstmal einen Eindruck von der Klasse zu verschaffen, denn viel planen kann ich ja eh nicht. Meines Erachtens ist es am besten, wenn ich mir erstmal einen Überblick über die Fähigkeiten und Motivation der Schülerinnen und Schüler verschaffe. Dazu reicht es, wenn ich zunächst mit ihnen rede. Zudem kopiere ich einen kurzen Text aus einem meiner Fachlehrwerke, um zu prüfen, ob die Schülerinnen und Schüler überhaupt etwas davon verstehen können.

Ich bin der Auffassung, dass die Schülerinnen und Schüler vor allem Zeit brauchen, um sich die deutsche Sprache anzueignen. Dabei kann man sie meiner Auffassung nach vor allem durch viel sprachlichen Input unterstützen. Meiner Meinung nach lernen die Kinder die Sprache dann automatisch. Schließlich schaffen es einsprachige Kinder ja auch, sich erfolgreich die Sprache anzueignen. Bei den neu zugewanderten Schülerinnen und Schülern funktioniert es ebenso, sie brauchen eben einfach nur Zeit. Daher ist es fast egal, was ich als Lehrkraft mit der Klasse mache – so viel kann man ja nicht falsch machen. Auf die unterschiedlichen Herkunftssprachen möchte ich nicht eingehen – kann ich auch gar nicht. Das nimmt nur wichtige Zeit, die besser darin investiert ist, den Schülerinnen und Schülern sprachlichen Input in der Zielsprache Deutsch zu liefern. Und überhaupt brauchen sie ihre Sprachen in der Schule ja nicht mehr. Hier braucht man europäische Sprachen: Französisch, Spanisch und natürlich vor allem Englisch. Das sind die entscheidenden Sprachen – neben dem Deutschen natürlich und vielleicht noch dem Lateinischen, das man später im Berufsleben bzw. für das Studium in manchen Fällen braucht. Ich werde zunächst einmal das Nutzen der Herkunftssprachen untersagen. Die Schülerinnen und Schüler sollen und müssen deutsch sprechen. Was sie noch nicht sagen oder verstehen können, werden sie schon lernen. Ich beabsichtige, den Schülerinnen und Schüler Texte mitzubringen, Videos zu zeigen und vor allem viel mit ihnen zu sprechen.

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